Auf dieser Seite präsentiere ich Teile meiner Diplomarbeit (1997):
Nach einem Literaturüberlick über Computerbefragungen, deren Vor- und Nachteile und Einfluß auf die Datenqualität wird das Internet mit seinen verschiedenen Diensten vorgestellt und von Studien über die soziodemografische Zusammensetzung der Internet-Nutzer berichtet.
Die Möglichkeiten der Durchführung von Internet-Umfragen über Email, in NetNews und im WWW werden ausführlich dargestellt und auf die Stichprobenproblematik von Netzbefragungen wird näher eingegangen. In zwei experimentellen Methodenstudien wird das Internet als Datenerhebungsinstrument evaluiert. Die Ergebnisse der Internet-Umfrage an einer Email-Stichprobe, die sich aus allen studentischen Email-Besitzern an der Salzburger Universität zusammensetzte, und einer WWW-Stichprobe, die von sich aus an der Umfrage teilnahmen, werden vorgestellt. Um den Einfluß des Fragebogenthemas auf die Teilnahmebereitschaft zu erheben, wurde bei jeweils einer Hälfte der Stichprobe ein Gesundheitsfragebogen und bei der anderen ein Sexualitätsfragebogen verwendet. Zusätzlich wurden unterschiedliche Antwortvarianten (anonymes WWW - persönliches Email, Medienwechsel) eingesetzt, um Effekte auf den Rücklauf feststellen zu können.
In den vier Untersuchungswochen konnten mit geringem finanziellen, aber doch mit technischem Aufwand, 627 Personen zur Teilnahme an den verschiedenen Varianten einer Internet-Umfrage nach einmaliger Aussendung motiviert werden. Bei der Email-Stichprobe waren innerhalb einer Woche 80% der Fragebögen eingelangt. Bei den experimentellen Variationen zeigte sich, daß ohne Nachfaßaktionen 17% über Email beim Gesundheitsfragebogen antworteten. Beim heikleren Sexualitätsfragebogen nahmen deutlich weniger Personen teil. Das WWW wurde zur anonymen Beantwortung noch von wenigen Teilnehmer benutzt, da ihnen vermutlich der Medienwechsel zu viele Schwierigkeiten bereitete. Überraschenderweise nahmen etwa gleich viele Frauen wie Männer bei der Studentenumfrage teil. Die männlichen Respondeten nützen das Internet deutlich häufiger und verwenden mehr Internet-Dienste. Bei der selbstselektierten WWW-Stichprobe nahmen erwartungsgemäß mehr Männer teil, weil an dem Fragebogen jeder Interessierte mitmachten konnte und zur Zeit außer auf Universitäten Männer das Internet dominieren.
Umfragen im Internet, die einem Repräsentativitätskriterium genügen sollen, stellen zur Zeit keine adäquate Alternative zu herkömmlichen Befragungen dar, weil die Stichprobenzusammensetzung sehr spezifisch ist und die Rücklaufquoten gering ausfallen. Die Vorteile von Internetumfragen wie die Kostengünstigkeit und die Automatisierung des Erhebungsprozesses machen sich aber bei Umfragen mit weniger hohen wissenschaftlichen Ansprüchen bezahlt. Da sich das Medium Internet weiterhin rasant ausbreitet, ist es nur eine Frage der Zeit bis Internet-Umfragen zum Standard zählen.
In den vier Untersuchungswochen konnten mit geringem finanziellen, aber doch mit technischem Aufwand, 627 Personen zur Teilnahme an den verschiedenen Varianten einer Internet-Umfrage motiviert werden. Bei der Email-Stichprobe waren innerhalb einer Woche 80% der Fragebögen eingelangt, bei der WWW-Stichprobe war der Rücklauf aufgrund der unterschiedlichen Verbreitungswege verzögert und sehr unterschiedlich.
Von den 2014 Studenten, denen eine Email zugeschickt wurde, antworteten gerade 10.6% auf den einmaligen Aufruf zur Fragebogenteilnahme. Dies entspricht einer sehr niedrigen Rücklaufquote. Betrachtet man den Rücklauf differenziert nach den Untersuchungsbedingungen, erkennt man die Ursachen für diese geringe Ausschöpfung. Auf die Aufforderung im WWW teilzunehmen (Variante 2) reagierten nur 7.5% der Studenten, doch über Email und WWW (Variante 1a und 1b) kombiniert nahmen mit 13.7% schon mehr Personen teil. Berücksichtigt man weiters das Thema der Umfrage, so füllten bereits 17.9% den Gesundheitsfragebogen über Email und WWW (Variante 1a und 1b) aus. Das Antwortmedium und das Fragebogenthema hatten also einen entscheidenden Einfluß auf die Rücklaufrate. Hatten die Teilnehmer die Möglichkeit zwischen einer persönlichen, einfachen Email- oder einer anonymen, komplizierteren WWW-Variante zu wählen, hängte es vom Grad der Sensitivität der Umfrage ab, welches Medium sie zur Beantwortung nutzten. Bei einem unproblematischen Thema wurde eher über Email und bei einem heikleren mehr über das anonyme WWW geantwortet. Der Wechsel vom Email-Fragebogen ins WWW, um dort den gleichen Fragebogen anonym auszufüllen, bereitete aber noch einer Mehrheit der studentischen Email-Besitzer Probleme. Die geringe Rücklaufquote mag auch damit zusammenhängen, daß ein Teil der angeschriebenen Personen im Untersuchungszeitraum kein Email lasen. Für Studierende an der Universität Salzburg kann es sich aufgrund überfüllter Rechnerräume als schwierig gestalten, regelmäßig Email zu lesen. Stichproben bestehend aus Universitätsangehörigen (Wölfel, 1996; Schuldt & Totten, 1994) oder Firmenmitarbeitern in einer "well-established electronic mail community" (Sproull, 1996, p. 161) haben leichter Zugang zu Email. Mehr als die Hälfte der Befragten der eigenen Studie gaben an, Email nicht täglich, aber öfters als einmal die Woche zu lesen. Email-Besitzer, die Email seltener lesen, können daher z.B. den Fragebögen übersehen, wenn sie einmal im Monat ihre 20 Mails herunterladen, bzw. glauben die Umfrage sei schon abgeschlossen. Technisch ließe sich dieser Faktor leicht berücksichtigen, wenn man mittels Computer-Monitored Data diejenigen Email-Besitzer erfaßt, die in den vier Wochen kein Email benutzten. In der Studie von Anderson und Gansneder (1995) verwendeten 19% der Stichprobe kein Email und wurden daher aus der Berechnung der Rücklaufquote genommen, was diese erhöhte. In Österreich ist dies aber aufgrund des Datenschutzes nicht erlaubt.
Zusätzlich wurde bei dieser Studie der Fragebogen nur einmal ausgesandt. Die Kontakthäufigkeit zählt aber als einer der wichtigsten Faktoren zur Erhöhung der Ausschöpfung von schriftlichen Umfragen (Heberlein & Baumgartner, 1978). Aufgrund der geringen Rücklaufrate in der Email-Stichprobe sind die inhaltlichen Ergebnisse und Schlüsse als vorläufig zu bezeichnen bis weitere Studien die gefundene Effekte repliziert haben.
In der WWW-Stichprobe, die sich aus Personen zusammensetzt, die von sich aus an einer Umfrage im Internet teilnehmen wollten, füllten jeweils etwa 200 Personen den Gesundheits- oder Sexualitätsfragebogen aus. Im Gegensatz zur Studentenstichprobe waren also deutlich mehr Personen im Internet bereit sich zum Thema Sexualität befragen zu lassen. Dieses Thema hat für das Internet zusätzlich eine besondere Bedeutung. Manche meinen, daß "Sex die entscheidende Triebkraft für die Weiterentwicklung des Internets ist, da Sex-Themen am meisten nachgefragt und am meisten Geld brächten" (Sex treibt Internet, 1997). Die Bearbeitungsquote der WWW-Fragebögen ist in der WWW-Stichprobe deutlich niedriger, weil Studenten vermutlich mehr an der Teilnahme als den Fragebogen selbst (Fragen oder Sourcecode) interessiert sind. In der Email- und der WWW-Stichprobe zeigte sich, daß die Abbruchquote beim Sexualitätsthema höher lag, was mit der Sensitivität des Themas zusammenhängen kann.
Überraschenderweise machten etwa gleich viele Frauen wie Männer bei der Emailstichprobe mit, was an der Bildung der Befragten und den kostenlosen Zugangsmöglichkeiten an der Universität liegen kann. An der komplizierteren WWW-Variante nahmen aber vermehrt Männer teil, die angaben sich besser im Internet auszukennen als Frauen. Neben dieser subjektiven Selbsteinschätzung gaben Frauen auch an weniger Internet-Dienste zu benutzen. Männliche Studenten beschäftigen sich also intensiver mit den Möglichkeiten dieses neuen Mediums. Bei der Soziodemografie der Teilnehmer zeigte sich, daß mehr ältere, höhersemestrige und ledige Studenten an der Umfrage teilnahmen. Besonders häufig machten nicht-ledige Personen beim Sexualitätsthema mit, was am vermehrten Interesse an diesem Thema durch die eigene bestehende Beziehung liegen mag.
In der WWW-Stichprobe zeigte sich das gewohnte Bild des immer noch männderdominierten europäischen Internets, wie es sich auch bei anderen Studien mit selbstselektierten, willkürlichen Gelegenheitsstichproben darstellt (Fittkau & Maaß, 1997; Bosnjak, 1996; Vogt, 1996). Die Teilnehmer waren größtenteils älter als die der Studentenstichprobe, berufstätig und höher ausgebildet. Fast die Hälfte der Stichprobe war ledig, wobei Personen, die in Partnerschaft leben, häufiger beim Sexualitätsthema teilnahmen als Verheiratete, die vermehrt beim Gesundheitsthema mitmachten. Personen mit Partner sind anscheinend noch mehr interessiert am heikleren Sexualitätsthema als Gebundene. Auch bei der Variable "Alter" zeigte sich, daß mehr jüngere und studentische Teilnehmer der WWW-Stichprobe den Sexualitätsfragebogen beantworteten.
Bei den Internet-Nutzungsmerkmalen unterscheiden sich die zwei Stichprobengruppen deutlich voneinander. Die Teilnehmer der WWW-Stichprobe nützen das Internet seit durchschnittlich 5 Monaten länger als die Email-Stichprobe, verwenden es mehrere Stunden in der Woche und lesen fast täglich Email. Beim privaten Email-Verkehr gleichen sich die Stichproben, da beide größtenteils gleich viele persönliche Nachrichten abschicken, wie sie erhalten. Bei der Einschätzung der Internet-Kenntnisse schneiden die WWW-Teilnehmer berechtigterweise besser. Mehr als die Hälfte schätzt ihren Wissensstand als gut bis sehr gut ein. Bei den benutzten Internet-Diensten zeigt sich auch, daß die WWW-Stichprobe mehr und speziellere Programme nutzt, was sich ebenfalls in den Gründen für die Internet-Nutzung widerspiegelt. Die Unterhaltung, das Downloaden und das Kennenlernen von anderen steht eher im Vordergrund als in der Studentenstichprobe. Mehr als die Hälfte der WWW-Stichprobenteilnehmer haben schon mehrmals Erfahrungen mit Internet-Umfragen gemacht und die meisten Teilnehmer der beiden Stichproben beurteilen die Internet-Befragung als gut bis sehr gut. Durch die unterschiedliche Stichprobenrekrutierung und die beiden Fragebogenthemen wurden also bestimmte Internet-Nutzer erreicht, die sich in den soziodemografischen Merkmalen und den Internet-Nutzungsvariablen deutlich unterscheiden. Ob sich diese Unterschiede gravierend auf psychologische Fragestellungen auswirken, wird sich in zukünftigen Untersuchungen zeigen.
Die Stichprobenrekrutierung über Email-Listen ermöglicht die Berechnung von Rücklaufquoten, womit die Aussagekraft einer Studie bestimmt werden kann. Der große Vorteil von Email-Umfragen ist die leichte Handhabung für die Teilnehmer, da sie einfach einen Email-Fragebogen beantworten müssen. Bei heiklen Themen ist diese Variante eingeschränkt einsetzbar, da der Absender identifizierbar ist. Dafür würde sich aber die WWW-Befragung anbieten, da bei dieser Form anonym teilgenommen werden kann. Zusätzlich bietet das WWW eine multimediale Gestaltung des Fragebogens. Bei der eigenen Studie hat sich herausgestellt, daß noch wenige Personen an WWW-Umfragen mitmachen wollen oder können, wenn sie über Email dazu aufgefordert werden. Anscheinend ist es einem Großteil der studentischen Email-Besitzer noch zu viel Aufwand ins WWW zu wechseln. Aber nur über eine Kombination vom Email und dem WWW ist eine Kontrolle über den Rücklauf. Denkbar ist z.B., um eine anonyme, kontrollierte Erhebung durchzuführen, die Probanden über Email zu bitten, bei einer WWW-Umfrage mitzumachen und nach der Teilnahme eine leere Bestätigungs-Email an den Versuchsleiter zu schicken. Damit bleibt der Teilnehmer anonym und säumige Personen können erkannt werden. Erst durch mehrmaliges Anschreiben der Verweigerer sind aussagekräftige Rücklaufquoten möglich.
Willkürliche WWW-Umfragen erreichen leicht eine größere Beteiligung von beliebigen Internet-Nutzern (vgl. Ergebnisse der WWW-Stichprobe), wenn die Umfrage entsprechend bekannt gemacht wurde. Die Ergebnisse solcher Studien unterliegen aber vielfältigen Verzerrungs- und Verfälschungmöglichkeiten, die größtenteils noch nicht abschätzbar sind.
Die eigene Studie zeigte, daß sich das Internet für explorative Zwecke verwenden läßt, wenn nichtrepräsentative Daten genügen. Eine Pilotstudie oder die Erprobung einer neuen Fragebogenskala läßt sich leicht in einer Internet-Umfrage durchführen. Auch für Fragestellungen, die an allgemeinen psychologischen Merkmalen und Zusammenhängen interessiert sind, können die Untersuchungsbedingungen im Internet genügen. Aufgrund der weiteren Verbreitung des Internets in allgemeinere Bevölkerungsschichten wird sich dieses Medium in Zukunft zu einem weiten Forschungsfeld für Sozialwissenschafter entwickeln. |